
Moment mal: Wie geht es dir? Und deinen Neujahrvorsätzen?
Diese wiederkehrende Frage: ‚Wie geht es dir?‘ Zur formlosen Begrüßung sagen wir es alle, doch mit aufrichtigem Interesse eher selten. Dafür ist meist keine Zeit, denn wer kann sich im Arbeitsalltag Bestandsaufnahmen eines fremden Innenlebens anhören und so darauf eingehen, wie es angemessen wäre? Niemand. Will man auch gar nicht, auch nicht für sich selbst. „Wie geht es deinen Neujahrsvorsätzen“ hingegen ist mit Dynamit gefüllt, mit Verdrängung und schlechtem Gewissen und Ausreden.
Denn Hand auf Herz und Smartphone: Wer schafft es denn heute noch, ohne konkrete Not alle digitalen Hausaufgaben zu machen? Zu viele Aufgaben kicken wir vor uns her wie ein Kindergartenkind einen Stein: Immer im Blick, aber ohne echte Steuerung der Richtung … und wenn ein neues, spannenderes Objekt kommt, ist es vorbei.
Nichts ist so alt wie die Vorsätze zum Neuen Jahr
Alle Vorsätze aus unserem Artikel vom Jahresanfang sind immer noch sehr gute Ideen und auf Dauer unvermeidbar, wenn eine Kanzlei als Arbeitgeber und Mandantenmagnet erfolgreich sein und wachsen will. Ein bisschen wie mit Sport und besserer Ernährung: Man weiß, eine Umstellung wäre sinnvoll und wichtig. Aber es passiert ja auch nicht wirklich was, wenn man es noch aufschiebt. Jedenfalls nicht sofort.
Auf der Jagd nach Erkenntnissen habe ich meine Steuerberaterin und noch ein halbes Dutzend andere Steuerberatende direkt befragt, wie aktuell ihre Prozesse aussehen, um beispielsweise den Druck vor Fristen zu vermeiden oder wenigstens zu mindern. Wie erwartet haben die meisten digitale Methoden übernommen und strikte Arbeitsweisen entwickelt, um die Mandanten zu Selbstbuchern oder Frühabgebern zu erziehen.
Das ist bekanntlich auch nötig. Es ist nicht allen so klar, aber für Solopreneure, andere Selbständige und KMU ist die Abgabe der Unterlagen für eine Steuererklärung gefühlt oft etwas, das auch kurz vor knapp erledigt werden kann - die Einhaltung der Frist ist dann das Problem der Kanzlei. Nicht aus Nachlässigkeit oder bösem Willen, sondern weil beide wenig Einblicke in die Arbeitserlebniswelten der jeweils anderen Seite haben: An Dienstleister werden hohe Ansprüche gestellt, daher stellen sie selbst die auch. Ohne Einblicke in die Abläufe einer Steuerkanzlei wirken Fristen wie etwas, das man kurz vor Termin auch noch einhalten kann.
Das Verständnisproblem kann man nur durch Kommunikation auflösen. Und durch strikte Regeln, Strafzahlungen bei später Abgabe oder der schriftlichen Ablehnung von Haftung, wenn die Vorgänge nach Datum X eintreffen. Auch das sind Optimierungsvorsätze, bei denen man von anderen lernen kann.
Warum gut organisierte Steuerberatende jetzt trotzdem im Stress sind?
Die befragten Steuerberaterinnen und Steuerberater dieser nicht repräsentativen Privatstudie sind top informiert, digital aufgestellt und haben gut durchdachte erprobte Prozesse an Ort und Stelle, mit denen sie dafür sorgen können, dass sie nicht gestresst arbeiten müssen. Aber in der Realität sieht es trotzdem so aus, dass ganz viele von Ihnen mit dem Kanzleiteam noch Sonderfälle bearbeiten, die bis zum Monatsende April ihre Einkommenssteuererklärung abgegeben haben müssen. Warum?
Das sind Fälle, die jetzt bei ihnen landen und die dann auch angenommen werden, weil die Mandanten nicht in der Lage waren, weil die Mandanten überfordert waren, weil die privaten Umstände der Mandanten schwierig sind … und die Steuerberatenden wissen das und stellen sich darauf ein: Etwas, was auf dem Reißbrett ein ganz sauberer zeitsparender Prozess sein könnte, wird in der echten Welt durch Hilfsbereitschaft, Achtsamkeit, Wertschätzung, Zwischenmenschlichkeit und Empathie dann vielleicht doch wieder ein stressigerer Monat als eigentlich nötig.
Weil man in der jeweiligen Kanzlei beschlossen hat, dass es den Menschen zuliebe eben doch nötig ist.
Jetzt wichtig: Etwas in die andere Waagschale legen
In dem ganzen Trubel gibt es dann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in jeder Kanzlei auch Personen, die im Gegenzug nie gefragt werden, wie es Ihnen gerade damit geht. Sollten sie wirklich brav und stumm damit zufrieden sein, gewissenhaft das Richtig und etwas Nützliches zu tun? Ich finde nicht. Wer das eigene Team auf Dauer behalten will, sollte lieber nicht schweigen. Sondern aktiv loben, fragen wie es geht, in die andere Waagschale einige gut durchdachte Benefits legen, die Wertschätzung viel besser transportieren als Worte und zwar nicht nur in stressigen Zeiten.
Fragen wie es geht und es auch wirklich wissen wollen und Wertschätzung aktiv zeigen: Das ist der beste Vorsatz. Auch mitten im Jahr.
Über die Expertin:

Carola Heine ist gekommen, um zu schreiben. Die Marketingexpertin und IT-Journalistin gehört zu den Pionierinnen des deutschen Webs: Bereits 1996 stellte sie eines der ersten deutschsprachigen Blogs online. Seither vermittelt sie praxisnahes Fachwissen für Selbständige, Start-ups und Unternehmen – immer mit Blick auf den digitalen Wandel und die Bedürfnisse der Zielgruppe. Als erfahrene Content-Strategin, Autorin und Beraterin unterstützt sie ihre Kunden bei der Entwicklung von Online-Strategien, Blogkonzepten, SEO und Social Media. Ihre Texte, Workshops und Podcasts sind bekannt für Klartext, Humor und sofort umsetzbare Impulse.
