
(1/2) Die Arbeitgeberfunktion als Erfolgsfaktor für die eigene Zukunftsfähigkeit
Die deutsche Steuerberatungsbranche durchlebt eine der tiefgreifendsten Transformationen ihrer Geschichte. Während traditionelle Strukturen und Arbeitsweisen zunehmend an ihre Grenzen stoßen, eröffnen Digitalisierung, neue Arbeitsmodelle und veränderte Mandantenerwartungen völlig neue Perspektiven für die Zukunft der Branche.
Die Treiber des fundamentalen Wandels
Digitalisierung als Katalysator
Die Digitalisierung hat sich als zentraler Transformationstreiber etabliert. Bereits heute arbeiten rund 80% der Kanzleien papierlos, und der DATEV-Digitalisierungsindex erreichte im März 2024 beeindruckende 109,1 Punkte. Moderne Softwarelösungen, Cloud-Technologien und automatisierte Prozesse revolutionieren die Arbeitsweise grundlegend. Routineaufgaben wie das Vorkontieren von Belegen, die Lohnbuchhaltung und die Erstellung von Jahresabschlüssen werden zunehmend automatisiert, wodurch wertvolle Freiräume für strategische Beratungsleistungen entstehen.
Die Einführung der verpflichtenden E-Rechnung im B2B-Bereich ab 2025 markiert einen weiteren Meilenstein dieser Entwicklung. Unternehmen müssen ihre Rechnungsprozesse grundlegend umstellen und benötigen dabei die Unterstützung ihrer Steuerberater. Bis 2028 werden EU-weite Digitalmeldepflichten diese Transformation weiter beschleunigen.
Künstliche Intelligenz revolutioniert die Arbeitsweise
KI-gestützte "Buchungsautomaten" erzielen heute bereits bessere Ergebnisse als regelbasierte Systeme und ermöglichen eine präzise Abschätzung künftiger Steuerlasten sowie die Identifikation von Optimierungspotenzialen. Großkanzleien setzen bereits "Copilot"-Systeme für komplexe Aufgaben ein, während mittelständische Kanzleien schrittweise nachziehen. Die Automatisierung kann bis 2027 eine Produktivitätssteigerung von 40% pro Fachkraft ermöglichen.
Fachkräftemangel als existenzielle Herausforderung
Der Personalmangel hat sich zur größten Bedrohung für die Branche entwickelt. Dramatische Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Krise: 60% der Steuerkanzleien verzeichnen deutlich weniger Bewerbungen, 30% mussten bereits Mandate aufgrund von Personalmangel kündigen, und 25% können keine neuen Mandanten mehr annehmen. Besonders alarmierend: Jede achte Kanzlei fürchtet, in den nächsten Jahren schließen zu müssen.
Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich. Über 50% der Steuerberater sind 50 Jahre und älter, während die Zahl der Berufseinsteiger kontinuierlich sinkt. Kleine und mittelgroße Kanzleien sind dabei stärker betroffen als große Unternehmen, die über mehr Ressourcen verfügen.
Die Evolution der Arbeitgeberfunktion
Von starren Strukturen zu flexiblen Arbeitsmodellen
Die traditionelle Steuerberatung galt lange als konservatives Berufsfeld mit festen Arbeitszeiten und starren Hierarchien. Heute bieten erfolgreiche Kanzleien flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice-Möglichkeiten und moderne Arbeitsumgebungen. 92% der erfolgreichen Kanzleien bieten bereits 3-4 Tage Homeoffice pro Woche an, und bis 2026 wird die Vier-Tage-Woche in 35% der mittelständischen Kanzleien eingeführt.
Employer Branding als Erfolgsfaktor
Eine starke Arbeitgebermarke ist heute unerlässlich, um im Wettbewerb um Fachkräfte zu bestehen.
Kanzleien mit starkem Digital-Image erzielen 63% mehr qualifizierte Bewerbungen, und Social-Media-Präsenz wird bis 2025 zum Recruiting-Standard. Digitale Kanäle dominieren bereits heute das Recruiting: 90% der Kanzleien nutzen ihre Website, 77% Social Media und 71% Jobportale zur Mitarbeitergewinnung.
Allerdings sind nur rund 5 % aller Kanzleien mit dem Gütesiegel EXZELLENTER ARBEITGEBER IN DER STEUERBERATUNG ausgezeichnet. Das zeigt noch viel Potenzial auf.
Marktentwicklung und Prognosen
Die deutsche Steuerberatungsbranche zeigt trotz aller Herausforderungen eine beeindruckende Wachstumsdynamik. Das Marktvolumen erreichte 2023 bereits 19,8 Mrd. Euro, was einem Wachstum von 8,8% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Prognosen für die kommenden Jahre sind optimistisch:
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2025: 21,5 Mrd. Euro (+8%) - getrieben durch E-Rechnungspflicht und Digitalisierung
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2026: 23,2 Mrd. Euro (+8%) - Automatisierung und KI-Integration
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2027: 25,0 Mrd. Euro (+7,5%) - Marktkonsolidierung und Spezialisierung
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2028: 26,8 Mrd. Euro (+7%) - EU-weite E-Rechnungspflicht und ESG-Beratung
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2029: 28,5 Mrd. Euro (+6,5%) - Fokus auf spezialisierte Beratungsdienstleistungen
Diese sehr positive Marktentwicklung gilt es seitens der Kanzleien noch mehr als Arbeitgeber zu vermarkten, gerade auch in Zeiten eines sich verändernden Arbeitsmarktes.
Veränderte Mandantenerwartungen
Die Digitalisierung verändert auch die Erwartungen der Mandanten fundamental. 73% erwarten Antworten innerhalb von 24 Stunden, und 68% nutzen bereits mobile Anwendungen zur Belegübermittlung. Bis 2026 werden 45% der Unternehmensführung durch Digital Natives besetzt sein, die papierlose Abläufe als Selbstverständlichkeit erwarten.
Mandanten fordern zunehmend strategische Beratung: 83% der KMU-Mandanten erwarten Beratung zu Unternehmensplanung und Liquiditätsmanagement, und 67% fragen aktiv vorausschauende Quartalsplanungen nach. Die Nutzung von Self-Service-Portalen steigt um 32% jährlich.
Diese veränderte Mandantenanforderungen benötigen auch in Zukunft in den Steuerberatungsgesellschaften neue Kompetenzen/Qualifikationen, die allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht ausreichend zur Verfügung stehen.
Der zweite Teil mit strategischen Handlungsempfehlungen folgt in der nächsten Woche!
Über den Autor:

Uwe Loof zählt zu den führenden Experten für Personal- und Organisationsentwicklung in der Steuerberatungsbranche und begleitet seit über 10 Jahren Steuerkanzleien und Mittelständler bei Fachkräftesicherung, Employer Branding und digitaler Transformation. Als Mitinitiator des Arbeitgebersiegels „Exzellenter Arbeitgeber“ auditiert er jährlich hunderte Kanzleien zu Arbeitgeberqualität und Personalstrategie. Der akkreditierte INQA-Coach gilt als gefragter Referent, Autor und Podcast-Gast für die Zukunft der Steuerberatung. Sein Ziel: Kanzleien zukunftsfähig machen und ihre Arbeitgeberattraktivität nachhaltig stärken.
