
90 % No-Touch-Buchhaltung: So arbeiten Mandanten morgen
Stellen Sie sich vor, die Finanzabteilung Ihres Mandanten arbeitet so effizient, dass ein Großteil der Buchhaltung praktisch ohne manuelles Zutun durchläuft. Rechnungen werden automatisch ausgelesen, vorkontiert und zur Freigabe vorbereitet – und die Mitarbeitenden dort kümmern sich nur noch um Sonderfälle und wirklich anspruchsvolle Themen. Was für viele in der Kanzlei immer noch visionär klingt, ist in zahlreichen Unternehmen bereits ein konkretes Ziel. Viele Finanzabteilungen steuern aktiv auf eine sogenannte „No-Touch-Buchhaltung“ zu – mit einer Automatisierungsquote von rund 90 Prozent.
Für die Steuerberatung ist das ein wichtiger Perspektivwechsel. Denn diese Entwicklung betrifft nicht nur den Mandanten, sondern auch die Zusammenarbeit mit ihm. Alles, was sich wiederholt und klaren Regeln folgt – Belegerfassung, Abgleiche, Standardbuchungen und einfache Reports – wird dort zunehmend von KI und automatisierten Workflows übernommen. Die Menschen vor Ort sollen sich stärker auf Analysen, Auswertungen und die steuerungsrelevanten Themen konzentrieren. Also genau auf das, was man auch aus der Kanzlei kennt: die „Kür“, für die oft keine Zeit bleibt, wenn die „Pflicht“ überhandnimmt.
Die größte Hürde in diesen Projekten ist aber selten die Technik, sondern fast immer der Mensch. In vielen Unternehmen reagieren Mitarbeitende erst einmal mit Unsicherheit: „Hat das Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz?“, „Kommt jetzt KI statt Personal?“, „Kann ich diese neuen Tools überhaupt bedienen?“ Erfolgreiche Finanzabteilungen holen ihr Team deshalb sehr früh ab. Sie sprechen offen darüber, warum automatisiert wird, wie sich Aufgaben verändern, welche Qualifikationen künftig gefragt sind – und dass Automatisierung nicht dazu dient, Stellen abzubauen, sondern Freiräume für wertvolle Arbeit zu schaffen.
Technisch laufen solche Transformationsprojekte meist in kleinen Schritten ab. Viele Mandanten starten mit den Nebenbüchern – dort ist das Volumen am größten, und die Prozesse sind häufig gut standardisierbar. Die KI bekommt klare Regeln, gut abgegrenzte Bereiche und wird schrittweise trainiert. Parallel wird die Datenqualität verbessert, denn niemand wartet darauf, dass alle Stammdaten oder Prozesse schon perfekt sind. Später folgen Hauptbuch, Freigabeprozesse oder auch neue Bestell- und Genehmigungsworkflows, die das gesamte Procure-to-Pay-Verfahren digitalisieren.
Für Steuerberater und Kanzleimitarbeitende bedeutet das eine wichtige Veränderung in der Mandatsbetreuung. Mandanten brauchen in dieser Phase nicht weniger Unterstützung – sie brauchen andere Unterstützung. Wir können helfen, Prozesse zu prüfen, Datenqualität einzuschätzen, Risiken zu identifizieren und Handlungsempfehlungen zu geben. Man kann erklären, welche Automatisierung steuerlich sinnvoll ist und wo Grenzen bestehen. Und man kann Mandanten dabei unterstützen, neue Rollen und Verantwortlichkeiten sauber aufzusetzen, damit trotz Automatisierung alles prüfungssicher bleibt.
Kurz gesagt: Die Finanzabteilungen der Mandanten bewegen sich immer stärker in Richtung Automatisierung. Und Kanzleien können ein entscheidender Partner auf diesem Weg sein – indem man nicht nur „mitbucht“, sondern aktiv berät, erklärt und begleitet. Die 90-Prozent-No-Touch-Buchhaltung ist kein reines IT-Projekt, sondern eine Veränderung im Arbeitsalltag, die man mit Fachwissen, Erfahrung und dem Blick auf Prozesse wertvoll unterstützen kann.
