
(1/2) Brauchst du auch immer Urlaub vom Urlaub?
Es ist der Freitag vor dem Urlaub. Du bist seit 6.30 Uhr in der Kanzlei, arbeitest Fristen ab, beantwortest Mails und schreibst nebenbei eine To-do-Liste für dein Team, die länger ist als deine Packliste. Abends sitzt du am Küchentisch und überlegst, ob du den Laptop „nur für den Notfall" einpackst. Wobei du eigentlich jetzt schon weißt, dass du ihn öffnen wirst...
Dann die erste Urlaubswoche: Du brauchst drei, wahrscheinlich eher vier Tage, um überhaupt runterzukommen. Kaum bist du entspannt, ist der Urlaub dann auch schon halb vorbei. Und am ersten Arbeitstag danach warten 200 Emails, ein Stapel Rückfragen und das Gefühl, nie richtig weg gewesen zu sein. Zwei Wochen frei und nach zwei Tagen hast du das Gefühl Urlaub von der Urlaubszeit zu brauchen.
Wenn du das kennst, ist das kein Zeichen dafür, dass du zu wenig geplant hast. Es ist ein Zeichen dafür, dass deine Kanzlei nicht ohne dich läuft, sondern nur durch dich.
Urlaub = Lackmustest
Wir reden in der Branche viel über Fachkräftemangel, Digitalisierung, Mandantenbindung. Aber die unbequemste Kennzahl steht in keinem Reporting: Wie viele Tage kann deine Kanzlei ohne dich funktionieren, ohne dass etwas liegen bleibt, eskaliert oder auf deine Rückkehr wartet?
Der Urlaub beantwortet diese Frage schonungslos. Er ist der Lackmustest für die Inhaberabhängigkeit deiner Kanzlei. Und die meisten von uns bestehen ihn nicht. Nicht, weil das Team schlecht ist, sondern weil zu viel Wissen, zu viele Entscheidungen und zu viele Mandantenbeziehungen ausschließlich an einer Person hängen. An dir.
Ich sage „uns", weil ich diesen Reflex selbst gut kenne: das Gefühl, dass es schneller geht, wenn ich es eben selbst mache. Dass die eine Rückfrage ja „nur zwei Minuten" dauert. Der Haken ist, dass genau diese zwei Minuten, hundertfach über Jahre, das System bauen, aus dem du dann keinen Urlaub mehr rausbekommst.
Warum das nicht ewig gut geht
Vielleicht hast du dich damit arrangiert. Ein bisschen Laptop im Urlaub, dafür läuft der Laden.
Das Problem ist: Dein Team sieht sehr genau, wie du arbeitest. Eine Kanzlei, deren Chef nie wirklich abschalten kann, ist heutzutage keine attraktive Zukunftsperspektive für die Talente, die du eigentlich halten oder gewinnen willst.
Du wirst zum Nadelöhr und Nadelöhre skalieren nicht. Die häufigste Reaktion, die ich in der Branche erlebe, ist deshalb ich will nicht wachsen und das kann ja nun auch keine Lösung sein.
Und dann ist da die Frage, die viele Inhaber gern nach hinten schieben: Was ist meine Kanzlei eigentlich wert, wenn sie nur mit mir funktioniert? Eine Kanzlei, die vollständig an einer Person hängt, ist schwerer zu übergeben, schwerer zu verkaufen und im Ernstfall - Krankheit, Ausfall - ein echtes Risiko. Unabhängigkeit vom Inhaber ist kein Wohlfühlthema. Sie ist der eigentliche Kern deines Kanzlei-Werts.
Die gute Nachricht: Wer heute anfängt, das strukturell zu lösen, arbeitet nicht nur an entspannteren Urlauben, sondern baut ein solides Fundament. ein Fundament, welches viele Themen parallel einen optimalen Nährboden bietet von Wachstum über Eigenverantwortung hinzu Digitalisierung.
Der Denkfehler bei „Vertretung"
Mein Denkfehler früher war, dass es nur eine Vertretungsperson braucht und dann alles genauso weiterläuft. Weit gefehlt, denn der Unterschied, auf den es ankommt: Vertretung ist keine Person, sondern ein Prozess.
Wenn dein Team dich nur „vertreten" kann, indem es dir Fragen sammelt und auf deine Rückkehr wartet, gibt es keine echte Vertretung, sondern am Ende wird die Bearbeitungszeit nur aufgeschoben. Echte Vertretung heißt, dass definierte Aufgaben, Entscheidungen und Abläufe auch ohne dich weiterlaufen, weil klar ist, wie sie laufen.
Und genau da liegt die Arbeit. Nicht im Urlaub selbst, sondern in den Wochen davor und danach.
Was man konkret anders machen kann im zweiten Teil!
Über die Expertin:

Julia Kounlavong ist Unternehmerin und Employer Brand Beraterin mit über 10 Jahren Erfahrung. Sie hat u.a. die Arbeitgebermarke für Amazon in 5 europäischen Ländern aufgebaut und hochskaliert. Aktuell bietet sie Beratungen und Workshops für Unternehmen an, die ihre Employer Brand erstellen und im Unternehmen verankern wollen. Zudem unterstützt sie mit einer Software dabei die Bindung von Mitarbeitenden zu erhöhen. Cully ist das Onboarding Tool und die verlängerte Werkbank um mit wenig Aufwand die Employer Brand in die DNA zu integrieren.
